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Two young Afghani brothers are sent by their parents to Europe in search of a better life. Over 4000km …walking! Could I even cover that distance with my running in a year? No way! But via Run4Refugees Tom and I together are hoping to do it in less than six months. Your donations go straight to these two brothers and others like them in need. Please support us…and them!
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Monday, February 15, 2016

Mit Beinen, Kopf und Herz



Laufbericht von TOM

Ein kurzer Bericht über das gemeinsame Run4Refugees-Abenteuer von Holly und Tom am Thermen-Marathon in Bad Füssing.

Ankunft

Nach einer mehrstündigen Anfahrt von Männedorf (CH) nach Bad Füssing (D) aufgrund der Verkehrslage ging es schnurstracks zum Einchecken in unser Hotel. Dies ging relativ rasch, obwohl die Empfangsdame unseren „Late-check-out-Status“ wegen grosser Zimmernachfrage stornieren wollte.
Wir konnten sie glücklicherweise vom Gegenteil überzeugen. Eine Heimfahrt ungeduscht und in stinkenden Laufklamotten hätte ich nun wirklich nicht gebraucht.
Nach dem erfolgreichen check-in, ging`s zu Fuss zur Johannesbad-Therme wo sich die Startnummernausgabe und die Marathonmesse befand.

Die Startnummer wurde schnell und unkompliziert überreicht, wir hatten also Zeit für einen Messebesuch. So viel Zeit wäre eigentlich gar nicht notwendig gewesen. Unter dem Begriff „Messe“ stellte ich mir eine Ansammlung von Ständen mehrerer Anbietern von Laufutensilien, Sporternährung oder Laufevents vor. Die Marathonmesse in Bad Füssing hat man in 2 Minuten besichtigt. Einen stand mit einem mobilen „Laufbekleidungs-Outlet“, ein weiterer Stand gehörte einer lokalen Textildruck-Firma und der Dritte machte Werbung für den Regensburgmarathon.

 
Als wir jedoch den Saal in dem die Pastaparty stattfand betraten, wurde mir sofort klar wo die Prioritäten der oberbayrischen Laufsportfreunde liegen. Nicht bei Marathonmessen, sondern beim Feiern. Im Saal war laute Volksmusik zu hören, und alle hatten ein Bier vor sich stehen. Die Stimmung war super, mir jedoch etwas zu laut. Wir lösten unsere, im sehr grosszügigen Starterpaket enthaltene, Bons für 3 Freigetränke im Thermenrestaurant ein, und verabschiedeten uns von der Party.

Um 18:30 hatten wir einen Tisch in einem Restaurant im Ortskern reserviert. Davor wollten wir noch den Ort anschauen. Und die Betonung liegt wirklich bei „wollten“. Unter „Bad Füssing“ stellte ich mir einen altehrwürdigen Kurort vor. Doch ausser vielen Menschen mit Krücken, Rollstühlen und Gehhilfen war ausser gefühlten 200 Hotels und Pensionen, 50 Apotheken und Drogerien sowie einigen Ärzten kaum ein Ortskern auszumachen. Ich war etwas enttäuscht.

Freude hatte ich dafür an dem Restaurant, welches Holly für das Abendessen gebucht hatte. Es war echt „bayrisch-urchig“. Die Wände mit Holz getäfert, tönerne Bierkrüge auf dem Tisch, der Service in Lederhose und Dirndl – einfach wundervoll. Auf der Speisekarte waren einige leckere einheimische Gerichte aufgeführt, so dass die Wahl schwer viel. Für mich auf jeden Fall. Holly hatte mit ihren veganen ernährungsvorlieben deutlich weniger Glück. Man könnte wohl sagen, dass es einfacher wäre Mitten in der Wüste ein eisgekühltes Getränk aufzutreiben, als in einem urbayrischen Restaurant ein veganes Menue. So musste Holly mit faden Salzkartoffeln und einem riesigen Salatteller Vorlieb nehmen, während ich mir den Bauch mit einer Rinderkraftbrühe mit Knödeleinlage und anschliessend einem Rindersteak aus der Obersteiermark und Risotto vollschlug. Richtig. Nicht unbedingt die geeignete Mahlzeit vor einem Marathon. Da es für mich aber nur darum ging in moderatem Tempo die Strecke zu absolvieren und ich so Lust darauf hatte, habe ich mir das einfach gegönnt.

Nacht vor dem grossen Tag
Nachdem wir nach dem gemeinsamen Abendessen wieder im Hotel angekommen sind. Ging es um die konkreten Vorbereitungen für den morgigen Tag. Die Bekleidung und andere Laufutensilien mussten bereitgemacht werden. Der Wetterbericht war das einzige, was uns noch etwas Kopfzerbrechen bereitete. 3 konsultierte Wetterwebseiten – 3 verschiedene Prognosen. Von Regen und Wind bis Sonnenschein und Windstille war alles zu haben.
Die nächste Herausforderung war meine Wettkampfhose. Sie hatte keine einzige Tasche. Eine solche wäre jedoch noch von Vorteil wenn es darum geht Energiegels zu verstauen. Eigentlich wollte ich nur auf Wasser und Bananen an den Verpflegungsstationen zurückgreifen, aber da ich bis 5 Tage vor Start noch Mühe mit meiner Verdauung hatte, nahm ich dann doch noch Gels mit, um auf kompakte Energie zurückgreifen zu können falls mein Magen rebelliert. Zum Glück hatte Holly noch ein zweites „Zauberstartnummernband“ dabei, an dem ich mühelos meine 4 Gels befestigen konnte. Danke Holly!

Die Nacht ist kurz erzählt. Früh ins Bett. Lesen. Unruhig schlafen. Immer wieder auf den Wecker schauen. Aufstehen. Das übliche halt vor einem Marathon.
 
Der grosse Tag – Raceday
Aufstehen. Und die Sonne strahlt. Ein perfekter Tag für ein tolles Laufabenteuer. Dann einen Abstecher zum Frühstücksbuffet. Und wahrscheinlich war ich der einzige, der sein Frühstück selber mitgebracht hat. Ich wollte eine neue Ernährungsstrategie austesten. Da ich immer wieder Mühe mit meiner Verdauung vor Wettkämpfen habe, und sich meine Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit zunehmender Form auch potenzieren, wollte ich etwas Neues ausprobieren. Meine Trainingslongjoggs absolviere ich jeweils nüchtern, und wenn mit Frühstück, dann nur jeweils mit etwas Hirsebrei 1 Stunde vor dem Loslaufen. Nun dachte ich, ich könnte dies mal vor einem Marathon versuchen, um der passenden Ernährung für die bevorstehenden Ultraläufe in dieser Saison etwas näher zu kommen. Und so sass ich mit Holly und meinem Tupperware mit Hirsebrei, Honig und Salz am Frühstückstisch.
Und beide waren wir nervös. Holly wegen der Zeit, die sie erreichen wollte. Ich wegen meinem Magen. Das ältere Publikum im Speisesaal lud glücklicherweise förmlich dazu ein sich zu amüsieren und somit ein wenig abzulenken. Besonders lustig fand ich die kleinen Täfelchen auf dem Tisch mit der Aufschrift „Happy hour – jeden Tag von 16:30 bis 17:30 – Cafè Latte und Cafè crème zum halben Preis“ – cocktailfreie Zone.
Und auf geht’s bei etwa 4 Grad und prächtigem Sonnenschein zur Startlinie. Davor noch schnell die Wechselklamotten für nach dem Lauf in der Abgabezone deponiert und schon standen wir von anderen LäuferInnen umgeben in der Startzone. Die Stimmung war super. 

Dann der Countdown zum Startschuss. Nun, wir wären ja nicht in Bayern, wenn auch die Startprozedur nicht auch noch sehr speziell wäre. Statt einer Hupe oder einer Startpistole, haben die Veranstalter im wahrsten Sinne des Wortes „grosses Geschütz“ aufgefahren. Mit den Worten des Moderators „Lasst die Österreicher wissen, dass wir Richtung ihre Grenzen laufen…3…2…1…!“ KAWOOOM. Etwa 10 Männer in Tracht und Handkanonen gaben mit einem ohrenbetäubenden Knall aus ihren Geschützen das Signal zum Aufbruch für die LäuferInnen.
Zu Beginn war der Kurs sehr verwinkelt und die ersten beiden Kilometer eher hektisch. Es wurde viel überholt, weggeschoben, um Positionen gekämpft. Nicht einfach, Holly in der Meute nicht zu verlieren, den kürzesten Weg für sie zu finden und freizumachen. Dass die Kategorie „Halbmarathon“ gleichzeitig startete, machte es nicht unbedingt einfacher.
Nach etwa 3 Kilometern hatte sich die Läuferschar etwas beruhigt und es kam nur noch vereinzelt zu Überholmanövern. Die ersten Kilometer absolvierten wir etwas schneller als geplant, und wir nahmen etwas Tempo zurück. Die Laufstrecke führte zu Beginn über einen eher schmalen Radweg, was ich als nicht sehr toll empfand. Durch die recht beschränkten Platzverhältnisse und das unrhythmische Laufen der Mitbewerber war es nur schwer möglich den eigenen Rhythmus zu finden. Nach etwa 5 Kilometer kam der erste Verpflegungsposten in Sicht. Im Getränkeangebot gab es Tee, auf den ich es abgesehen hatte. Leider war der Tee in den Plastikbechern noch dermassen heiss, dass ich mir nur einen kleinen Schluck gönnen konnte. Da ich mir vorgenommen hatte an den Verpflegungsstellen wirklich anzuhalten um meinen Magen nicht mit zusätzlich verschluckter Luft beim Trinken zu reizen, musste ich Holly wieder einholen, die in der Zwischenzeit während ihrer Verpflegung weitergelaufen war.
Und schon ging`s weiter. In der Zwischenzeit stieg die Sonne am Horizont weiter auf, und heizte uns ein. Wunderschön blauer Himmel und in der Sonne glitzernde Wiesen. Kurz nach der Verpflegungsstelle verbreiterte sich auch die Strasse. In der Nähe von uns der 3:30-Pacemaker-Ballon, und eine Schar Läufer um ihn herum. Ich scherzte ein wenig mit ihm. Holly wollte nicht unbedingt in der Läuferschar mitlaufen, sondern sich davor positionieren. Nun gut, sie ist heute „meine Chefin“. Nach wenigen hundert Metern wurden wir dann doch noch von der Gruppe überholt.

Holly schien sich immer mehr zu verkrampfen, die Schultern hochgezogen. Ein Blick auf ihre Pulsuhr trug nicht unbedingt zur Beruhigung bei. Diese zeigte nämlich exorbitante Werte, die völlig unmöglich waren. 

Und nun steckte ich wirklich in einem Dilemma. Einerseits war da die prognostizierte  „Wunschzeit“ und andererseits Holly`s Tagesform, die nicht ihren Möglichkeiten entsprach. Was tut man als Pacemaker in einer solchen Situation? Wir verschoben die Prioritäten weg von der Wunschzeit, hin zur Bewältigung der Laufstrecke. 

Als Holly dann nach 14 km meinte, sie würde eventuell nur den Halbmarathon absolvieren, und dann vor der zweiten Runde der Laufstrecke aussteigen, kam ich ins Grübeln. Ich schlug ihr vor, dass wir das Tempo reduzieren und gemeinsam bis Kilometer 30 laufen. Wenn Holly dann aufhören möchte, spazieren wir gemeinsam zum Zielgelände zurück, aber haben so wenigstens unseren sonntäglichen Trainingslongjogg absolviert. Zu meinem Glück ging Holly auf diesen Vorschlag ein. So bewältigten wir die kommenden Kilometer auf einer recht schönen und abwechslungsreichen Strecke bei herrlichem Laufwetter. 
Wir erlebten noch einige „Tiefen“ wie zum Beispiel die „Nahrungsaufnahmeunlust“ von Holly, die nur mit Nachdruck meinerseits überwunden werden konnte und einem etwas penetranten Mitläufer der sich rülpsend und pupsend in unserem Windschatten aufhielt und immer knapp davor war uns von hinten auf die Füsse zu stehen. Aber es gab deutlich mehr „Höhen“ als „Tiefen“. Die freiwilligen Helfer waren super motiviert, die Laufstrecke wunderschön, das Wetter perfekt, viele nette Kontakte und Gespräche unterwegs mit anderen Läufern. Und die Zeit verging wie im Flug. 

Im Ziel
Nach etwa 3 Stunden und 50 Minuten überquerten wir gemeinsam die Ziellinie. Hollys Wunschzeit haben wir nicht erreicht. Die Qualifikation für den Boston-Marathon hat sie jedoch in der Tasche. Aber ich bin dennoch unglaublich stolz auf meine Laufpartnerin. Ihr ist es gelungen einen Marathon in einer respektablen Zeit zu absolvieren, obwohl es ihr bereits wenige Kilometer nach Start nicht gut ging. Obwohl sie mehrmals unterwegs ans Aufgeben gedacht, und dies auch geäussert hat. Sie ist eine wirkliche Ultraläuferin mit den drei wichtigsten „Zutaten“ die es dafür braucht – eine Läuferin „Mit Beinen, Kopf und Herz“.
Gut gemacht Holly – KEEP ON RUNNING!